Bereits vor einigen Monaten machte dieses Video auf Youtube die Runde: Zehn Stunden lang läuft eine junge und unauffällig gekleidete Frau schweigend durch New York City. Mehr als hundert Mal wird sie dabei belästigt, vor allem verbal. Von Pfiffen und Ähnlichem ganz zu schweigen. Während sie sich selbst dabei sichtlich unwohl fühlt, wundern sich einige Kommentatoren nur, warum Komplimente als „sexuelle Belästigung“ aufgefasst werden können und ob nicht die Frau selbst ein Problem hat...

Viele Mädchen und Frauen haben sicherlich schon ähnliches erlebt, doch wie hoch ist der Anteil tatsächlich und wie lässt er sich eigentlich messen? Hollaback!, eine Initiative gegen sexuelle Belästigung auf der Straße, führte 2014 zusammen mit der Cornell University eine Internetbefragung zu diesem Thema durch, bei der mehr als 16.000 Personen aus 22 Ländern teilnahmen.  Heraus kam bei dieser Studie unter anderem:

  • In 22 Ländern weltweit wurde mehr als die Hälfte der Frauen schon mal betatscht
  • 70 Prozent der Frauen in Deutschland wurden bis zu ihrem 17. Geburtstag schon mal belästigt
  • 21 Prozent der Frauen haben schon einmal erlebt, dass sich ein Mann vor ihnen entblößt hat
  • Die Hälfte aller Frauen hat sich schon einmal nicht getraut nachts wegzugehen, zwei Drittel nahmen lieber das Taxi
  • Vier Fünftel haben einen anderen Heimweg gewählt
  • Und jede 15. Frau hat wegen sexueller Belästigung ihre Arbeitsstelle gekündigt

Diese Zahlen mögen intuitiv sehr hoch klingen, doch man darf nicht vergessen, dass erniedrigendes Verhalten und sexuelle Belästigung eben nicht erst beim Betatschen, sondern schon bei sogenannten ungewollten „netten Komplimenten“ auf offener Straße beginnt. Jede Frau geht damit unterschiedlich um.

Doch der Aufbau der Studie weist in der Tat Kritikpunkte auf, welche generell auf die meisten Internetumfragen zutreffen: Teilnehmen kann prinzipiell, wer will. Die Gefahr der statistischen Verzerrung droht jedoch nicht nur durch potentielle Mehrfachteilnahme, sondern vor allem durch die Selbstselektion: Auf die Möglichkeit der Teilnahme aufmerksam wurden primär Besucher der Seite von Hollaback! sowie deren Bekannte. Diese wiederum haben sich also schon davor für das Thema interessiert. Und man kann stark davon ausgehen, dass in vielen Fällen eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung die Ursache dafür sind.  Kurz: Wer selbst bereits das Opfer von sexueller Belästigung gewesen ist, nimmt auch eher an einer Umfrage zu diesem Thema teil. Damit bilden die Ergebnisse jedoch nicht mehr unbedingt die tatsächlichen Anteile in der Bevölkerung ab.

Löst also eine repräsentativere Studie das Problem? 2004 gaben in einer solchen knapp 60% der befragten Frauen aus Deutschland an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein – aber nicht nur auf der Straße, sondern insgesamt. Doch auch hier gestaltet sich die Frage nicht ganz so einfach. So gaben hier zunächst nur rund 36% der Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Doch als dann konkrete Formen sexueller Belästigung genannt wurden, stieg der Anteil um mehr als die Hälfte an. Es besteht also keine Einigkeit darin, was sexuelle Belästigung überhaupt bedeutet und wo diese beginnt.

Und wie sieht es mit offiziellen Statistiken zumindest zu den schwereren Fällen aus? Demnach wäre das angeblich so egalitäre Schweden ein Albtraum für Frauen: Laut UN-Statistiken hatte das skandinavische Land 2008 mit 53 Vergewaltigungen auf 100.000 Einwohner die zweithöchste Rate weltweit, übertroffen nur noch vom kleinen südafrikanischen Staat Lesotho. Steigt gerade in einem Land mit einer sehr hohen Gleichstellung die Vergewaltigungsrate besonders stark? Verwunderlich ist dann aber, warum auch in den vergleichbaren Nachbarländern Norwegen und Dänemark die Quote mit 20 bzw. 7 Fällen deutlich darunterliegt. Auch in Deutschland liegt sie „nur“ bei 9, während das unrühmlich in die Schlagzeilen gekommene Indien lediglich 2,4 Fälle aufweist. In solchen Ländern wie der Türkei (1,4) oder Ägypten (0,1) wäre Vergewaltigung demnach fast unbekannt.

Es trägt viel zur Erklärung bei, wenn man die schwedischen Zahlen zwischen 2004 und 2005 vergleicht: Erst lagen sie bei 25 Fällen auf 100.000 Einwohner; ein Jahr später dann bereits bei 42. In diesem Jahr wurde ein neues Strafgesetz erlassen: Hier wurde nicht nur die Definition von sexueller Belästigung erweitert. Von dort an wurde auch jeder einzelne Fall separat gezählt: Wer also vom selben Partner im vergangenen Monat jeden Tag vergewaltigt wurde, trägt in Schweden 30 Fälle zur Statistik bei. In anderen Ländern wäre es nur ein einziger Fall wiederholter Vergewaltigung. Gerade die so auf die Frauenrechte ausgerichtete Gesetzgebung sorgt daher für besonders unschöne Statistiken. Dazu kommt noch: In Schweden werden sich wahrscheinlich mehr Frauen trauen, den Behörden ihren Fall auch tatsächlich zu schildern. In sehr patriarchalischen Ländern wird mitunter auch Frauen selbst die Schuld gegeben oder mit der Benachrichtigung des Vergewaltigers gedroht, also lassen es viele lieber gleich bleiben.

Ingesamt ist es also sehr schwierig, valide Statistiken zum Thema sexuelle Belästigung zu finden. Weltweit geht man davon aus, dass nur einer von zehn Fällen sexueller Gewalt auch gemeldet wird. Ländervergleiche sind aufgrund unterschiedlicher statistischer Erfassungen  ebenfalls schwierig. Und je normaler auch leichte Fälle wie anzügliche Bemerkungen auf der Straße sind, desto geringer ist die Neigung, deswegen überhaupt noch zur Polizei zu gehen. Während also offizielle Zahlen vermutlich zu niedrig sind, sind solche aus Studien mit freiwilliger Teilnahme aufgrund der Selbstselektion wohl zu groß.

Zu diesem Thema gibt es auch einen Radiobeitrag, den Sie hier oder bei DRadio Wissen nachhören können.