Das Flüchtlingsthema ist momentan in den Medien omnipräsent. Und angesichts der Tatsache, dass kein Ende der Wanderung absehbar ist, wird das vermutlich auch erstmal so bleiben. Doch wie lassen sich die aktuellen Flüchtlingszahlen mit den vergangenen Jahrzehnten vergleichen? Und hätten die Flüchtlinge dauerhaft eine Auswirkung auf unsere demographische Situation?

 

In der Geschichte der Bundesrepublik gab es bisher zwei große Flüchtlingswellen: Eine begann in den 1970er Jahren und hatte ihren Höhepunkt 1980, wo mehr als 100.000 Asylbewerber zu uns kamen. Der zweite war im Hintergrund des zerfallenden Ostblocks und Krisen in Jugoslawien 1992 mit bereits mehr als 440.000 Asylbewerbern. 2008 waren es dagegen wieder nur 30.000 Asylbewerber.

 

Die aktuellen Zahlen sprengen diese Dimensionen jedoch bei weitem: Bereits in der ersten Jahreshälfte gab es mit mehr als 200.000 Asylanträgen zum höchsten Wert seit 1993. Und der Innenminister schätzt, dass es bis zum Ende des Jahres bis zu 800.000 sein sollen. Nicht alle davon entfliehen gerade Bürgerkriegen oder Regimen, die ihr Volk verhungern lassen: Im vergangenen sowie im bisherigen Jahr machen Asylanträge der Balkanländer rund 40% aus – ein Grund dafür, warum die Politik diskutiert, diese zu „sicheren Herkunftsländern“ zu deklarieren.

Diese aktuellen Zahlen werden auch in der Öffentlichkeit häufig kommuniziert. Es lohnt sich daher, auch einmal ein paar Schritte weiterzugehen und Statistiken zu suchen, die nicht schon jeder einmal irgendwo gehört hat. So könnte man sich die Asylbewerber hinsichtlich von Alter, Geschlecht und Religion anschauen. Mit 50.000 stellen die Unter-16-Jährigen die größte Gruppe dar und zwei Drittel der Anträge werden von Männern gestellt. Dies schwankt jedoch ebenso je nach Herkunftsland wie auch die Religion: Zwei Drittel der Asylbewerber sind Muslime; aus Eritrea allerdings sind vier von fünf Flüchtlingen Christen.

 

Wie viele davon später wieder in ihre Heimat zurückkehren sollen, kann man nur vermuten. Von den Flüchtlingen der 1990er Jahre aus Bosnien-Herzegowina ist jedenfalls die Hälfte hiergeblieben. Aber daraus Prognosen für die Jetzt-Situation zu ziehen, kann man mit gutem statistischen Gewissen eigentlich kaum verantworten. Zu individuell sind die Ursachen für die Wanderung und zu heterogen die Lage in den jeweiligen Herkunftsländern.

 

Dafür wäre es aber mal für die Demographie interessant, was sich denn ändern würde, wenn alle 800.000 Asylbewerber dieses Jahres männlich wären und alle hierbleiben wollen. Der Männeranteil würde sich um einen halben Prozentpunkt verschieben – insgesamt also der marginale Unterschied, ob unter 200 Menschen nun 100 oder 101 männlich sind. Bisweilen kommt es einem aber mehr vor, weil sie natürlich nicht gleichmäßig über Deutschland verteilt werden und dann sehr viele in einer Unterkunft gleichzeitig sind. Um Lehrer- oder Wohnungsmangel müsste man sich in Deutschland jedenfalls keine Gedanken machen: Aufgrund der demographischen Lage und niedrigen Kinderzahlen stellt die gegenwärtige Migration sogar nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar. Auch hier bestehen aber natürlich beispielsweise zwischen München und ostdeutschen Kleinstädten deutliche Unterschiede. Insgesamt würde bei einer -sehr spekulativen- Nettozuwanderung von 100.000-200.000 Personen im Jahr der Altersdurchschnitt bis 2060 nur um ein Jahr sinken. Doch: In der aktuellen Lage geht es ja um humanitäre Gründe und nicht um Demographie.

 

Zu diesem Thema gibt es auch einen Radiobeitrag, welchen Sie hier oder auf DRadio Wissen nachhören können.