Zeit, nach 25 Jahren Bilanz zu ziehen: Geht aus statistischer Sicht immer noch ein merkbarer Graben zwischen beide Landesteile Deutschlands, oder ist die Wiedervereinigung bereits erfolgreich abgeschlossen?

Hinsichtlich der Gehälter ist der Unterschied weiterhin beträchtlich: Ostdeutsche Arbeitnehmer verdienen im Schnitt jährlich 27.000€ und damit ganze 8.000€ weniger als ihre westdeutschen Landsleute. Ein Teil davon lässt sich durch eine unterschiedliche Wirtschaftsstruktur erklären – im Osten arbeiten mehr Menschen in kleinen und mittleren Betrieben. Doch es gibt auch insgesamt kaum einen Beruf, in dem nicht die Westdeutschen mehr verdienen. Bei Chefärzten sind es monatlich im Schnitt nur 200€ Unterschied, während die ostdeutschen Krankenpfleger mit ganzen 500€ und Steuerberater sogar mit 1000€ weniger auskommen müssen. Werksleiter verdienen im ehemaligen Arbeiter- und Bauern-Staat dagegen sogar im Schnitt 200€ mehr.

Teilweise wird dies dadurch ausgeglichen, dass der Wohnraum im Osten im Schnitt günstiger ist. Dass München mit Durchschnittsmieten von 10-15€ pro Quadratmeter ganz oben liegt, dürfte weithin bekannt sein. In ostdeutschen Städten, aber auch im Saarland, ist man mitunter schon mit einem Drittel dabei. Doch trotz dieses Unterschiedes bleibt den Westdeutschen insgesamt mehr in der Tasche. Nicht jede westdeutsche Stadt hat so extrem hohe Lebenshaltungskosten wie München und das durchschnittliche Vermögen beträgt hier 150.000€ ungefähr das Doppelte des Ostens.

In der Schulbildung haben die neuen Bundesländer mitunter sogar die Nase vorn: Der Anteil an Abiturienten ist mit 31% zwar um fünf Prozentpunkte niedriger als im Westen, aber in der Pisa-Studie schneiden ostdeutsche Schüler besser ab. Nur gibt es davon insgesamt zunehmend weniger, was auch die Universitäten betrifft: Diese haben daher in den letzten Jahren vermehrt Kampagnen gestartet, um Studienanfänger aus dem Westen für sich zu gewinnen – mit zunehmenden Erfolg. Mittlerweile ist ein Drittel der Studenten an ostdeutschen Hochschulen aus dem Westen. Doch nicht nur hier, sondern für ganz Deutschland gilt: Es sind vor allem bestimmte Universitäten im Osten und im Westen, die viele Studenten anziehen. Und nicht nur im Osten locken attraktive Studiengänge durch einen fehlenden Numerus Clausus – so etwas gibt es auch in der bayerischen Provinz.

Während jedoch bei bestimmten Indikatoren wie dem Anteil registrierter Gewalttaten mit rechtsextremen Hintergrund der Graben tatsächlich zwischen Ost und West verläuft, sieht es beispielsweise bei der Versorgung mit schnellem Internet anders aus: Hier liegen der Süden und der Westen Deutschlands vorn, während es innerhalb Ostdeutschlands einen „Breitband-Korridor“ von Westsachsen bis zur Ostsee gibt. Schaut man nur auf die Statistik, bekommt man viel mehr mitunter das Gefühl, der Ost-/West-Unterschied sei durch ein Nord-/Süd-Gefälle ersetzt werden. Was Kriminalität, Bildung, Arbeitsmarkt und öffentliche Finanzen angeht, sind im deutschlandweiten Vergleich und sogar nur innerhalb des Ostens die südlichen Bundesländer besser aufgestellt als die nördlichen.

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