Vor wenigen Wochen wurde sie wieder entfacht, die ewige Debatte über die vermeintliche Sinnhaftigkeit der Homöopathie. Dass die Fronten zu diesem Thema verhärtet sind, ist altbekannt.

Statistisch gesehen ist weder nachzuweisen, dass die Globuli-Medizin heilt, noch dass sie nicht heilt.

Aufhänger der Homöopathie-Debatte war ein misslungener Tweet der Techniker Krankenkasse (TK). Nachdem sie von einem Twitter-Nutzer aufgefordert wurde, Studien zu präsentieren, die die Wirkung der Homöopathie beweisen, entgegnete die Krankenkasse etwas pampig, dass der Nutzer doch bitte Studien liefern solle, die die Wirkung der Homöopathie widerlegen. Der Shitstorm folgte prompt und keinesfalls in homöopathischen Dosen. Inmitten des üblichen Schlagabtausches ließen auch Anhänger der Fraktion „Mit Statistik kann man alles beweisen“ nicht lange auf sich warten. Richtig ist: Mit Statistik kann man Nichts nicht beweisen.

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Moment – handelt es sich hier um einen Fall gnadenloser Selbstüberschätzung der Statistikerin? Das Gegenteil ist der Fall. Den wissenschaftlichen Nachweis des Gegenteils (nämlich einer Nichtwirksamkeit) zu fordern, nur weil man die eigene Sache (die Wirksamkeit) nicht beweisen kann, ist nicht nur in der Medizin schwer umstritten – es ist vielmehr statistisch nicht möglich. Das Konzept des statistischen Testens beruht darauf, von der Nullhypothese („es gibt keinen Effekt“) auszugehen – ähnlich wie bei Gericht, wo im Idealfall der Angeklagte so lange als unschuldig gilt, bis man ihm seine Schuld, die Alternativhypothese („es gibt einen Effekt“) nachweisen kann. So wie das hohe Gericht nur Ausschnitte aus dem Umfeld der Tat zur Urteilsfindung heranziehen kann und praktisch niemals alle (potenziellen!) Beweismittel, muss auch der Statistiker auf die Aussagekraft von Stichproben vertrauen und braucht dafür klare Regeln. Warum? Weil Menschen gelegentlich zufällig gesunden und wir im Nachhinein entscheiden müssen, ob dies trotz, wegen oder völlig unabhängig von der verabreichten Therapie geschehen ist.

Umgekehrt funktioniert dieser Schluss aber nicht. In der Statistik gibt es bloß einen „Freispruch zweiter Klasse“ aus Mangel an Beweisen.  Somit ist die Forderung der TK nach Studien, die eine Nicht-Wirksamkeit der Homöopathie belegen, wissenschaftlicher Blödsinn.

Aber warum fordern Wissenschaftler ständig, dass man Wirksamkeit erst beweisen muss – steckt dahinter doch nur die Pharma-Lobby, die ihre Pfründe verteidigen will gegen die sanften Homöopathen? Auch das ist weit gefehlt. Stellen wir uns doch einmal vor, es ginge stattdessen um eine Chemotherapie. Folgt man der Argumentationslinie, dass Menschen mit dieser Therapie behandelt werden sollten, weil das Medikament ja wirken könnte (und wir es bloß noch nicht wissen), so würden Patienten ohne Not starken Nebenwirkungen ausgesetzt. Statistisches Testen ist also Schadensbegrenzung. Man reduziert den „Fehler 1. Art“, dass eine behauptete Wirkung tatsächlich gar nicht vorliegt, auf ein Minimum zu Gunsten des „Fehlers 2. Art“, dass eine tatsächliche Wirkung nicht erkannt wird. Die allgemeine Lebenserfahrung – man denke an die mittelalterlichen „Heilpraktiken“, die wohl in Summe mehr Menschen getötet als kuriert haben – zeigt, dass dieses Prinzip als wissenschaftliche Grundregel (nicht in jedem Einzelfall) von Entscheidungsfindung unter Unsicherheit funktioniert.

Die Sinnlosigkeit ihrer Antwort fiel selbst der TK irgendwann auf. Doch da war es für Reaktionen schon zu spät, denn es ging ums liebe Geld. Schließlich werden homöopathische Behandlungen aus den Beiträgen aller TK-Versicherten bezahlt.  Homöopathie-Gegner protestierten, dass sie „wirkungslose Zuckerkügelchen“ zwangsweise mitfinanzierten.

Um die behauptete Wirkungslosigkeit zu „beweisen“, führen sich regelmäßig Menschen zu Demonstrationszwecken ganze Globuli-Fläschchen auf Ex zu Gemüte, nur um danach sagen zu können: „Ich lebe noch.“ Mit einer Packung Ibuprofen würde sich das vermutlich keiner trauen. Und unwissenschaftlich ist es noch dazu, denn wieder landet man beim Einzelfall statt beim statistischen Beweis.

Nun sieht sich allerdings die Homöopathie als Lehre, deren konkretes Vorgehen die vom Individuum abhängt. Nur weil etwas bei den einen nicht funktioniere, bedeute das eben nicht, dass es bei den anderen wirkungslos sei. Immerhin haben verschiedene Studien, zum Missfallen so mancher Homöopathen, kürzlich festgestellt, dass es zwischen homöopathischen Globuli und Placebos keinen großen Unterschied gibt. Ein bisschen „Wirkung“ gibt es also doch.

Die Wirkung von Placebos wird in der Medizin oft belächelt. Man behandelt Patienten ohne Wirkstoffe und arbeitet stattdessen mit dem Glauben an die Wirksamkeit des „Medikaments“. Dass Glaube Berge versetzen kann, ist nachweislich mehr als nur ein tröstlicher Spruch.  Viele Studien, in denen Patienten lediglich Placebos erhielten, jedoch unter der Annahme, es seien echte Medikamente, dokumentierten Verbesserungen im Krankheitsbild. Von Migräne oder Husten bei viralen Infekten bis zu Depressionen und bipolaren affektiven Störungen reichen die Anwendungsgebiete solcher Scheinmedikamente. Selbst wenn also der Erfolg der Homöopathie rein auf dem Placebo-Effekt basiert, warum ist es dann verwerflich, dass Menschen diese Therapie in Anspruch nehmen, sofern sie an die Wirksamkeit der Behandlung glauben?

Es ist überhaupt nicht verwerflich, solange die Homöopathie ihre Grenzen erkennt. Eine Tumorbehandlung mit Globuli statt mit einer Chemo-Therapie sollte auf keinen Fall von Krankenkassen unterstützt werden. Verglichen mit den Kosten voreiliger Verschreibungen von Antibiotika ohne sichere Prognose und der unerwünschten Nebenwirkung zunehmender Antibiotikaresistenzen sind die „Zuckerkügelchen“ aber nicht nur billiger, sondern auch gesünder.

 

(Dieser Artikel erschien im Mai 2017 in der Printausgabe von "Tichys Einblick".)

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