Verzehrte Schnitzel in Wien seit 1. Jänner

Dass Statistik einen wichtigen Bestandteil von Städteplanung und Architektur darstellt, ist für viele noch irgendwie nachvollziehbar. Doch dass sie nicht nur planerischen Zwecken dient, sondern selbst im Mittelpunkt einer künstlerischen Installation stehen kann, zeigt ein Projekt der Stadt Wien.

Bekannt ist diese Stadt sicherlich primär für Orte wie Schloss Schönbrunn, der Stephansdom und die Hofburg. Wer jedoch das auf der österreichischen 50 Cent-Münze abgebildete Secessionsgebäude bewundert oder sich dort vom Naschmarkt etwas geholt hat, sollte von dort auch als Fußgänger einmal den Weg in die Passage der angrenzende U-Bahnstation Karlsplatz nehmen.

Zunächst wird dem Besucher auffallen, wie ruhig und kühl, ja fast schon kontemplativ die mit Granit verkleidete Passage als Kontrast zur grellen Welt der bunten Farben und Plakate darüber wirkt. Doch bald wird er auch in regelmäßigen Abständen links und rechts an den Wänden Spiegel und dezent leuchtende rote Lichter entdecken. Beim Herantreten kann er auf den Spiegeln zunächst Überschriften wie „Rüstungsausgaben weltweit seit dem 1. Jänner“; ebenso aber für denselben Zeitraum auch die „Anzahl der verzehrten Schnitzel in Wien“ entdecken.


Rüstungsausgaben weltweit seit 1. JännerUm festzustellen, was denn die roten Lichter genau darstellen, wird er sich direkt vor den Spiegel stellen müssen. Dann wird ihm klar, dass die roten Lichter Zahlen sind, welche durch Leuchtdioden in den Spiegel hineinprojiziert werden. Neben der Zahl wird er auch sich selbst im Spiegel erblicken. Und in diesem Moment bemerkt er, dass die Zahl keine starre Projektion ist, sondern noch während der Betrachtung in unterschiedlicher Geschwindigkeit ansteigt. In diesem Moment hat sich die Zahl der seit Jahresbeginn in Wien entliehenen Bücher, oder aber auch der weltweiten HIV-Infektionen abermals erhöht.

Und während der Betrachter dies wahrnimmt, sieht er auch das eigene Gesicht direkt neben dieser Zahl. Und er merkt, dass er selbst ein Teil dieser Welt ist, welche durch die Zahlen gemessen wird. Aus dem Betrachter wird ein Beteiligter. Wegschauen ist sinnlos.

Dieses einzigartige Beispiel zeitgenössischer Kunst stammt vom kanadischen Künstler Ken Lum und wurde im Dezember 2006 in Kooperation mit der Stadt Wien eröffnet. Ziel soll sein, Wissenschaft und Sozialforschung mit Kunst zu verbinden, gleichzeitig jedoch auch den Betrachter in die Installation mit einzubeziehen. Das geschieht auf einer Länge von 130 Metern durch die 14 Spiegel, in denen heitere und ernste Zahlen abwechselnd aufeinander treffen.

Daneben gibt es jedoch noch eine andere Darstellung, welche etwas aus der Reihe fällt: Auf einer langen Wand findet sich die Zahl „Pi“ mit 478 Nachkommastellen. Von „Pi“ hat die Installation daher auch ihren Namen. Doch auch diese Zahl bleibt nicht unverändert: Auf einer Querinstallation werden jeweils die zehn letzten neu berechneten Nachkommastellen eingeblendet. „Pi“ ist also so unendlich und einzigartig wie die Welt an sich.

Darstellung von Pi

Wie kommt es eigentlich zu diesen Zahlen? Natürlich wird weder die Anzahl der Liebespärchen in Wien, noch die Ausbreitung der Sensoren sekündlich neu gemessen. Die Daten entstammen der Zusammenarbeit mit dem privaten Wiener Institut SORA (Institute for Social Research and Consulting). Wir wissen nun zwar nicht, in welchen zeitlichen Abständen die zugrunde liegenden Daten neu eingespeist werden, doch das statistische Prinzip dahinter ist recht klar: Anhand gemessener Entwicklungen der Vergangenheit wird eine Prognose für zukünftige Entwicklungen berechnet.

Wurde beispielsweise für die vergangenen 10 Jahre eine jährliche Zunahme der Sahara um einen bestimmten Prozentwert berechnet, kann dieser auch als Prognose für ein neues Jahr dienen. Oder man greift auf aktuelle erhobene Daten zur Anzahl der Liebespaare pro 1000 Einwohner zurück und erstellt unter Berücksichtigung sich verändernder Faktoren wie der Einwohnerzahl ebenfalls eine Prognose für die Zukunft. Durch Dividierung ergibt sich dann der Anstieg pro Sekunde. Und nach diesem Verfahren funktioniert die Installation.

Doch sind solche statistischen Prognosen nur wie Kunst – schön anzusehen, aber nicht primär für irgendeinen Nutzen bestimmt? Wäre es nicht besser, einfach die tatsächliche Entwicklung abzuwarten und das Messergebnis dann möglichst genau wiederzugeben? Prognosen zeichnen sich immer durch eine gewisse Ungenauigkeit aus. Umgekehrt kann man bei der Zahl der künftigen Kriegstoten immer nur von der gegenwärtigen Situation ausgehen und muss dann die bisherige Entwicklung in die Zukunft projizieren. Und die Weltwirtschaftskrise von 2008/09 konnten angeblich die besten Wirtschaftswissenschaftler kaum vorhersehen.

Das Ziel einer Prognose ist es jedoch nicht, ein Ereignis entweder exakt oder aber gar nicht vorherzusehen. Stattdessen geht es darum, ein mathematisches Modell zu entwickeln, bei dem der prognostizierte Wert möglichst wenig vom später gemessenen Wert abweicht. Oder zumindest ein Bewusstsein dafür zu erlangen, wie viel Unsicherheit am Ende bleibt.

ZufallszahlWer einem solchen Modell Vertrauen schenkt, kann schon in der Gegenwart für die Zukunft planen. Sei es eine Prognose der weltweiten Bevölkerungszunahme (dargestellt in der Installation) oder eben auch der klimatischen Veränderungen: Man kann am Ende vom Ergebnis überrascht werden, aber sich über die Zukunft vorher keine Gedanken gemacht zu haben, ist fahrlässig.

Die Installation „Pi“ macht eindrucksvoll deutlich, worum es in der Statistik häufig geht: Nicht das distanzierte Betrachten vergangener Daten, sondern die Einbettung in die Gegenwart und die Zukunft durch das Gewinnen neuer aus bereits bestehender Information. Das mag bei der Anzahl der verzehrten Schnitzel sicher einfacher und auch unverfänglicher sein; wichtiger ist es jedoch bei der Frage, auf wie viele Menschen wir im Jahre 2050 unsere Ressourcen verteilen müssen. Die Passage unter dem Karlsplatz möchte daher nicht nur unterhalten, sondern auch Bewusstsein für soziale Probleme wecken. Dazu passen auch die in einer Vitrine ausgestellten Bücher zu Migration und Demographie.

Die Passage ist barrierefrei zu erreichen und bietet in den anderen Zugängen weitere interessante Installationen anderer Künstler. So kann man nur jedem Wien-Besucher empfehlen, die Stadt auch einmal in den weniger bekannten Facetten kennen zu lernen. Vielleicht wäre diese Passage sogar einmal ein außergewöhnlicher Ort, um das Neujahr zu beginnen. Zunächst stehen alle Zahlen auf Null. Doch sofort sterben wieder Menschen, werden geboren und erleben unterschiedliche Schicksale. Die Entwicklung ist unendlich – genauso wie die Zahl Pi.

 

Adrian Hambeck, Soziologe/Historiker

Bildquelle: Wikipedia