Wer kann nicht von "Glump, Zeig und Graffe" erzählen, das sich ein paar Wochen nach dem Kauf unter mysterösen Umständen selbst zerlegt hat; oder das so schlecht konstruiert war, dass es einfach kaputt gehen musste? Deswegen plant Frankreich, das Herstellen von Geräten mit absichtlich verkürzter Lebensdauer unter Strafe zu stellen. Das erntet Zustimmung; Zustimmung, die dringend vonnöten ist, wenn 87 Prozent der Regierten sie der Regierung entsagen. Nächster Schritt: Ein Gesetz, das feststellt, dass die Republik Kätzchen süß findet (Symbolfoto nebenstehend).

Heute geht es um Planned Obsolescence, das sind Produkte, die möglichst schnell kaputt gehen sollen, damit sich der Kunde ein neues kaufen muss.

Der Geist sucht nach böser Absicht, wo doch nur die kühle Gleichgültigkeit des Zufalls existiert.

Ausfallverteilungen

Der Ausfall von Geräten wird mathematisch je nach Anwendung mit einer ganzen Reihe von Möglichkeiten modelliert. Die dafür populärste Verteilung wurde in den 20er Jahren von Fréchet entdeckt; sie trägt den Namen Weibull-Verteilung.1 Die Weibull-Verteilung funktioniert gut bei elektronischen Bauteilen und den typischen Futzelteilen, die immer kaputt gehen, denn sie kann die drei typischen Ausfallarten abbilden.

  • "Säuglingssterblichkeit". Versteckte Produktionsfehler und andere Defekte, die dazu führen, dass manche Bauteile früh sterben. Diese Defekte nehmen mit der Zeit immer weiter ab.
  • "Altersschwäche". Das sind Verschleiß-Defekte, die durch Gebrauch über die Zeit zunehmend auftreten. Hier steigt mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit für einen Defekt immer weiter an.
  • "Allgemeine Mortalität". Zufällige Defekte, die jederzeit auftreten können und unabhängig vom Alter des Produkts sind, z.B. Blitzschlag.

Eine Weibull-Verteilung hat zwei Parameter, man kann sie skalieren – d.h. festlegen, ob die Lebensdauer in Monaten, Jahren oder Jahrzehnten gemessen wird – und ihre Form bestimmen. Soll also die Wahrscheinlichkeit, dass das Produkt heute kaputt geht, nachdem es bis heute überlebt hat, mit der Zeit zunehmen (\(\lambda > 1\)), abnehmen (\(\lambda < 1\)) oder gleich bleiben (\(\lambda = 1\))?

Verschiedene Formen der Ausfallrate bei der Weibull-Verteilung. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Teil, das bis heute überlebt hat, heute ausfällt?

Verschiedene Formen der Ausfallrate bei der Weibull-Verteilung: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Teil, das bis heute überlebt hat, heute ausfällt?

In der Realität werden meist die Ausfallarten überlagert, es können alle drei auftreten, aber die Wahrscheinlichkeit dafür hängt vom Produkt ab. Ein Massivholz-Stuhl hält ewig, wenn nicht bei der Produktion morsches Holz übersehen wurde, Verschleißteile kann man nach einer gewissen Zeit abschreiben, etc. Das Verhalten der Teile kann man modellieren und daraus berechnen, wann ein Ausfall eines Produkts wahrscheinlich ist.

Dichte der Weibull-Verteilung. Wann fallen Elemente aus?

Dichte der Weibull-Verteilung: Wann fallen Elemente aus?

Wir steigen in die Produktion ein

Man nehme eine Waschmaschine. Der Hersteller weiß, dass er wegen der gesetzlichen Gewährleistung bei Defekten in den ersten sechs Monaten fast immer die Kosten tragen muss, und meist bei allen in den ersten zwei Jahren. Vielleicht hat er (wie bei Autos üblich) auch eine längere Garantie gegeben. Alle Fehler kann man nie ausschließen, aber es sollten nicht mehr als ein paar Prozent, sagen wir fünf Prozent, der Geräte in der Zeit kaputt gehen, damit die Garantieleistung nicht den gesamten Profit auffrisst.

Um das zu gewährleisten, wird nun so lange an der Haltbarkeit der Bestandteile gefeilt, bis die Fehlerwahrscheinlichkeit im Garantiezeitraum auf fünf Prozent gesunken ist. Wie das Produkt sich danach verhält, hängt davon ab, ob viele Bauteile mit "Altersschwäche" zu kämpfen haben oder ob nur "Säuglingssterblichkeit" vorliegt.

Moment!

Das klingt doch verdächtig nach Planned Obsolescence. Plant der Hersteller nicht genau, wann unser Produkt kaputtgeht? Nein. Im Gegenteil, er plant bis zu einem gewissen Zeitpunkt dessen Funktionieren. Ihm ist nur gleichgültig, was danach passiert.

Wieso nicht ein paar Cent in länger haltbare Produkte investiert werden

Weil der Kunde nicht bereit ist, dafür zu bezahlen. Punkt. Nächste Frage.

Was? Sie hätten gerne drei Cent mehr für bessere Schrauben in Ihrem Mixer investiert, damit sie nicht nach einem Jahr ausleiern? Das scheitert leider an drei Punkten:

  • Bei jedem Produkt fällt etwas anderes aus. Alle Billigteile durch bessere zu ersetzen, läppert sich und wäre in den meisten Fällen gar nicht nötig.
  • Premium-Hersteller bieten oft besser konstruierte Produkte, längere Garantie und mehr Kulanz beim Austausch; aber für die drei Kuchen im Jahr tut es ein Zehn-Euro-Mixer auch.
  • Selbst kleine Geräte haben hunderte und tausende Teile, sollen handlich, schick und leicht sein und maximale Leistung bieten. Häufig ist bei Neukonstruktionen einfach nicht klar, was zuerst kaputt gehen wird, was man also verstärken müsste.

Dank Internet ließe sich leicht herausfinden, welche Produkte lange halten, aber die Preisportale sind viel populärer.

Früher konnte ich meine Waschmaschine für ein paar Euro reparieren lassen…

Jeder jammert über die fest verbauten Batterien in seinem iPhone, aber er hätte sich auch ein Handy mit austauschbarer Batterie von Samsung oder Nokia kaufen können.

Nichts außer dem Ego zwingt zu einem iPhone.

Vieles, was wir kaufen, ist ein Fashion-Statement. Die Masse der Smartphone-Käufer will sich nicht mit einem Handy, das mehr als zwei Jahre alt ist, vor ihren Freunden blamieren, oder man will alle neuen Features genießen.

Produkte nach einem Jahr wegzuwerfen, mag umweltschädlich sein, Produkte nach einem Jahr wegzuwerfen, die für einen 30-jährigen Gebrauch konstruiert sind, wäre noch umweltschädlicher.

Aber was ist mit der Waschmaschine? Niemand hält eine Dinnerparty in der Waschküche ab, um seinen neuen Vollautomaten zu präsentieren und seine Freunde damit neidisch zu machen. Warum ist bei dem dann trotzdem die Platine verklebt, so dass man sie nicht austauschen kann?

Weil eine Waschmaschine rappelt und wackelt und schleudert und weil eine verklebte Platine länger hält als eine verschraubte zum gleichen Preis. Und wenn die Waschmaschine nach fünf Jahren doch kaputt geht, kann ich mir für 250€ auf Amazon eine neue kaufen.

Stattdessen könnte ich auch einen Monteur rufen, der 40€ für die Anfahrt will, weitere 80€ für die Arbeitszeit, dann 30€ für das Ersatzteil und am Ende habe ich immer noch eine Waschmaschine, die fünf Jahre Schleudern auf dem Buckel hat.

“Aber die alte hat 15 Jahre gehalten”

Viele neue halten auch lange, wir vergessen nur schnell, dass Montagsgeräte auch 1950 schon existiert haben. Außerdem frisst die 15 Jahre alte Maschine oft so viel Strom und Wasser, dass es für den Geldbeutel besser wäre, sie ginge bald kaputt.

Das leidige Thema mit den Druckerpatronen

Niemand mag Drucker. Und die Patronen und Kartuschen ganz besonders nicht. Es ist aber kein Fall von Planned Obsolescence.

Drucker und Patronen sind wie Rasierer und Rasierklingen. Die Drucker werfen keinen Gewinn ab. Aber wenn ich erst einmal einen gekauft habe, bringe ich dem Hersteller puren Gewinn für ein paar Tropfen Tinte. Doof nur, wenn ich die Gelbpatrone bis zum letzten Tropfen aufgebraucht habe und durch den Mangel an Tinte der Druckkopf beschädigt wurde. Oder sie ist zwei Jahre im Drucker verstaubt und eingetrocknet.

Ein Drucker-Hersteller weint jedem kaputten Gerät nach

Plötzlich tauchen Schlieren auf dem Papier auf, ich rege mich über den Hersteller auf, schmeiße das Ding raus und kaufe mir einen neuen von der Konkurrenz. Jetzt macht die das Geschäft mit der Tinte. Und die sind schlauer, ihre Patronen haben einen Chip, der mich zwingt, sie regelmäßig zu wechseln. Da bin ich zwar jedesmal sauer, aber weil der Drucker noch so schön druckt, kaufe ich mir brav neue, überteuerte Patronen.

Also nicht Planned Obsolescence, sondern das Gegenteil.

Alles Mythos?

Gibt es also keine Planned Obsolescence? Alles Mythos?

Es mag vereinzelt Beispiele geben, aber die meisten Produkte sind einfach so billig wie möglich konstruiert, weil das die Kunden kaufen. Wann genau so ein Teil dann den Geist aufgibt, hängt vom Zufall ab.

Und wenn der uns mal wieder besonders übel mitspielt und am Tag nach Ablauf der Garantie alles auseinanderfällt? Dann sucht der menschliche Geist automatisch nach böser Absicht, wo nur die kühle Gleichgültigkeit des Zufalls existiert.


  1. Fréchet-Verteilung wäre ungeeignet, denn Fréchet hat schon seine eigene Verteilung.