2017 ist ein Super-Wahljahr in Deutschland. Nach dem Saarland wird in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen abgestimmt, im Herbst im Bund. Doch schon die jüngste Abstimmung hat gezeigt, dass die Umfragen und das Ergebnis wieder auseinanderklafften.

Woran es liegt, dass die Prognose so oft in die Hose geht.

Nach Brexit und Trump-Triumph sollten wir uns eigentlich nicht mehr wundern, dass bei Kopf-an-Kopf-Rennen oft das berühmte „Zünglein an der Waage“ entscheiden kann.  Auch im Fall Saarland lautet die erste Mahnung der Statistiker deshalb, die Abweichung von Prognosen und Realität nicht zu dramatisieren. Die aktuellste Umfrage lag schließlich für alle Parteien außer der CDU innerhalb des üblichen Prognosefehlers von +/- 3 Prozentpunkten.

Jede Prognose ist mit Unsicherheit behaftet. Sogar die besten Prognosen unterliegen der Gefahr, von der Wirklichkeit stark abzuweichen, auch wenn große Abweichungen nicht besonders wahrscheinlich sind. Unmöglich sind sie nicht. Schließlich beruht jede Prognose auf einer Stichprobe, und die kann aus verschiedensten Gründen ganz anders sein als die Gesamtheit aller Wähler. Der wichtigste Einflussfaktor ist, dass Wahlprognosen auf Befragungen von Wahlberechtigten basieren, aber das sind am Ende nicht die tatsächlichen Wähler.

Um diese Unsicherheitsfaktoren bei Wahlprognosen zu minimieren, verwenden die Forschungsinstitute spezielle Gewichtungsverfahren. Insbesondere wird die Gruppe der Unentschlossenen gewichtet, also solche, die bei der Befragung angegeben haben, noch nicht zu wissen, ob sie wählen gehen bzw. wen sie wählen würden. Somit ist nicht ersichtlich, ob die Unentschlossenen letzten Endes in der Statistik als Wähler oder Nichtwähler erscheinen. Als verschiedene Gewichtungsfaktoren werden für die Prognose insbesondere historische Entwicklungen, also das Wahlverfahren bei der letzten Wahl, herangezogen. Aber es werden auch andere denkbare Effekte auf die Diskrepanz zwischen Wahlabsicht und tatsächlichem Wahlverhalten berücksichtigt. 

Das heißt: Nicht nur die Stichprobe selbst ist nur ein mehr oder weniger genaues Abbild der Wahlberechtigten. Sondern auch die Methode, wie man die Wahlberechtigten in tatsächliche Wähler umrechnet, beruht auf Schätzungen. Das lässt man gerne unter den Tisch fallen, so lange die Hochrechnung gut funktioniert, weil solche Gewichtungsverfahren das „Betriebsgeheimnis“ der Forschungsinstitute sind. Wenn sich aber das Wahlverhalten ziemlich stark ändert, können sich die Fehlerquellen potenzieren und dann liegt man eben daneben. Gerade in einem kleinen Bundesland kann so etwas deutliche Auswirkungen haben.

Schon bei den Landtagswahlen im Saarland 2012 wurde ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen CDU und SPD prognostiziert. Im Wahlergebnis siegte die CDU (35,2%) mit deutlichem Vorsprung gegenüber der SPD (30,6%), bei einer Wahlbeteiligung von 61,6%. Die anschließende Wählerwanderungsanalyse von Infratest dimap zeigte, dass die CDU rund 12.000 Wähler an die Gruppe der Nichtwähler verloren hatte, die SPD weitere 7.000. Die Nichtwähler waren somit die eigentlichen Wahlsieger.

Im Jahr 2017 zeigt sich ein ganz anderes Bild. Diesmal konnte die CDU 28.000 Nichtwähler mobilisieren, die SPD wenigstens 13.000. 8.000 SPD-Wähler wanderten zur CDU ab, vermutlich diejenigen, die die Gefahr einer Rot-Rot Koalition abwenden wollten. Dank der Nicht-mehr-Nichtwähler kann das Saarland nun eine Wahlbeteiligung von 69,7% aufweisen, den höchsten Wert seit mehr als 20 Jahren.

Daraus lässt sich folgern, dass das historische Wahlverhalten keine gute Prognose für die Gewichtungsfaktoren liefert. Unsere Parteienlandschaft hat sich in den letzten Jahren zu stark verändert; vielmehr müsste man sich fragen, was schiefliefe, wenn der Wähler nicht auf Phänomene wie die AfD oder die Schwäche und das Wiedererstarken der FDP auf Bundesebene reagieren würde. 

Wurde also über die letzten Jahre von einer sinkenden Wahlbeteiligung ausgegangen, zeigen sich in den letzten Jahren wieder steigende Tendenzen. Würden die Wahlforschungsinstitute solche aktuellen Trends stärker berücksichtigen und historisches Verhalten weniger stark, so könnten sie ihre Vorhersagegenauigkeit wohl verbessern. Vielleicht sollten die Institute die Wähler einfach öfter fragen, wie wahrscheinlich sie denn überhaupt wählen und nicht nur, wen sie wählen, wenn sie wählen.

Hilfreich wären zudem mehr Umfragen in engerer zeitlicher Taktung – denn in den letzten zwei Wochen vor der Wahl zeigte sich einen Trend in Richtung des tatsächlichen Wahlergebnisses. Knapp zwei Wochen vor der Wahl lagen CSU und SPD nur einen Prozentpunkt auseinander, drei Tage vor der Wahl dann schon fünf Prozentpunkte. Hätte man diesen Trend einfach fortgeschrieben (was statistisch auch etwas riskant ist und keinesfalls empfohlen werden soll), dann hätte man deutlich näher am tatsächlichen Ergebnis gelegen.

Oder man verabschiedet sich gleich von den doch recht statischen Umfragen und arbeitet zukünftig mehr mit Wahlbörsen, an denen die Teilnehmer virtuell mit Parteiaktien handeln. Weil dort alle paar Minuten ein neues Stimmungsbild entsteht, lassen sich Trends und Stimmungsschwankungen deutlicher ablesen. Zwar haben auch Wahlbörsen ihre Schwächen, aber wenn man sie mit den traditionellen Umfragen kombiniert, könnte ein umfassenderes und vielleicht auch präziseres Bild entstehen.

 

(Dieser Artikel erschien im April 2017 in der Printausgabe von "Tichys Einblick".)